Prostitution: Warum wir Männer das nordische Modell unterstützen sollten.
Ein Artikel von Mario Brocallo (der frei auch in anderen Publikationen und auf anderen Webseiten veröffentlicht werden kann *)
Schweden, Norwegen, Frankreich, Irland, Israel und Kanada haben es bereits: das „nordische Modell“ in Bezug auf die Prostitution. Das ist ein Sexkaufverbot, das auf auf einer gesellschaftlichen Ablehnung der Prostitution beruht, und bei dem nicht Prostituierte, sondern die Freier bestraft werden. Begleitet wird dieses nordische Modell von verstärkten Beratungsangeboten und Ausstiegshilfen für Prostituierte.
Seit mehreren Monaten wird es auch in Deutschland und Österreich verstärkt diskutiert, da durch Berichte und Bücher deutlich wurde, dass Prostitution nur in den seltensten Fällen freiwillig und selbstbestimmt ausgeübt wird, sondern fast immer mit Menschenhandel, Missbrauch und Erpressung zu tun hat.

Als Mann über Prostitution nachzudenken führt zu sehr grundlegenden psychologischen Themen. Zunächst führt es zu der Frage, was wir als Kind über Sexualität und Liebe gelernt haben, von wem wir es gelernt haben - und von wem nicht? Hat unser Vater mit uns über diese Themen gesprochen, unsere Mutter, haben wir bei beiden wahrnehmen können, wie eine zärtliche Liebesbeziehung aussieht? Hat ein anderer erwachsener Mann, bei dem wir den Eindruck hatten, er führt eine erfüllende Liebesbeziehung, zu uns über diese Themen gesprochen?
Meine persönliche Erfahrung, und auch jene aus Männergesprächsgruppen, die ich geleitet habe, zeigt leider, dass das fast nie der Fall war. Bei unseren Eltern herrschte oft Schweigen in Bezug auf Sexualität, daher mussten wir uns eine Vorstellung davon wie ein Puzzle aus verschiedenen Texten, belustigten Gesprächen mit männlichen Freunden oder Schulkollegen, Sexheften (ja, früher!) oder aus der BRAVO Rubrik „Dr. Sommer“ zusammensuchen.
Wer dann in seiner Jugend oder Adoleszenz verliebt war, eine erste feste Freundin hatte, mit der er die erste Sexualität positiv erleben konnte, hatte wohl einen guten Start. Viele Burschen – auch das haben meine Gespräche gezeigt - erlebten das nicht. Sie versuchten hektisch, ein Mädchen ins Bett zu bekommen – als Männlichkeitsbeweis oder aufgrund des Druckes der Burschenclique – und erlebten einerseits Enttäuschungen, andererseits keine Sexualität, die von Vertrauen geprägt war, und über die man mit dem betreffenden Mädchen auch spricht, falls es zu Unstimmigkeiten kommt.
Diese erlernte Sprachlosigkeit vieler Männer in Bezug auf Sexualität und Liebe prägt meiner Meinung nach auch ihre Akzeptanz von Prostitution. Diese Akzeptanz wird besonders dann verstärkt, wenn ein Mann auch keine empathischen Beziehung zu anderen Frauen hat: zu einer Schwester, Tochter, einer weiblichen Freundin oder Kollegin.
Ich denke: Nur dann wenn ein Mann keine Frauen liebt, im Sinne der Abwesenheit von Kontakten zu Frauen, die vom Wunsch geprägt sind dass es Frauen gut gehen soll, wird er Prostitution akzeptabel finden. Ein Mann der Frauen liebt, wird hingegen intuitiv wissen, dass Sexualität nichts ist, was man kaufen oder verkaufen kann. Demnach wird er auch intuitiv wissen, dass Prostituierte ihre Tätigkeit nicht freiwillig ausüben.
Ein Mann, der sexuelle Leidenschaft erlebt hat, die von einer leidenschaftlichen Liebe befeuert wurde, muss meiner Ansicht nach Prostitution als eine traurige und kalte Form von Sex ansehen, als müden Abklatsch dessen, was möglich ist. Denn auch Männer, die einen hektischen oder betrunkenen One-Night Stand hatten, der eher von Nervosität geprägt war als von Erregung, geben zu, dass das Gefühl danach nicht unbedingt positiv war, vor allem da die Sprachlosigkeit danach (die es ja auch bei einer Prostituierten wohl geben muss) enttäuschend ist.
Apropos Erregung: Männer gehen ja nicht im Zustand der sexuellen Erregung zu einer Prostituierten. Sie müssen von der betreffenden Frau mit weitgehend bekannten Techniken erregt werden, bevor der Geschlechtsakt möglich ist. Die Argumentation, dass „Männer den Geschlechtstrieb ja irgendwo ausleben müssen“ ist also falsch. Männer sind in ihrem Alltag zwar immer wieder sexuell erregt (und verschaffen sich dann oft selbst Befriedigung), es staut sich jedoch keine Erregung in ihnen auf, die vor dem Aufsuchen einer Prostitution spürbar wäre (es überwiegt vermutlich eher die Nervosität).
Wer sich ansieht, was Freier in „Freierforen“ im Internet über ihre Bordellbesuche schreiben (Stichwort: „Die unsichtbaren Männer“) erfährt hingegen, dass Männer gerne erniedrigende Pornoszenen mit einer realen Frau nachspielen wollen – und das dann oft auch tun.
Ich denke: wir Männer sollten über all diese Themen miteinander sprechen, auch über die Schattenseiten der Sexualität, die ich erwähnt habe. Über die positiven und negativen Gefühle, die wir für andere Frauen bisher empfanden (bis zurück zu unserer Mutter). Darüber, wie stark unsere sexuellen Phantasien schon von Pornographie beeinflusst sind. Darüber, ob unsere männliches Selbstbewusstsein davon abhängt, ob wir ab und zu Sex haben. Und über ein großes Thema, dass möglicherweise über allem steht: Einsamkeit.
Einsamkeit kann kurzfristig durch sexuelle Phantasien und möglicherweise durch das Aufsuchen einer Prostituierten betäubt werden, jedoch hilft beides nicht bei beim Aufbau von Bekanntschaften und Freundschaften, die dieses Problem lösen. Dazu muss man unter die Leute gehen (dafür gibt es bereits eine Reihe von Internetplattformen für gemeinsame Freizeitaktivitäten). Und wer Kontaktschwierigkeiten hat, sollte seine soziale Kompetenz einüben: das geht nicht bei einer Prostituierten, sondern in Gesprächsgruppen, Therapiegruppen oder Empathiekreisen.
Es gibt mittlerweile genügend Informationen einerseits über das nordische Modell, andererseits über das Ausmaß an Gewalt und Zwang im „System Prostitution“: in Büchern und im Internet. Ich habe jedoch versucht, die Prostitution aus der Position einer modernen Männlichkeit kritisch zu beleuchten: Wenn wir Männer Frauen lieben – im Sinne von unterstützen -, wenn wir gegen häusliche Gewalt sind und für Gleichberechtigung, müssen wir auch für ein Sexkaufverbot sein.
Ein zusätzliches Argument, das nordische Modell zu fordern, müssten übrigens alle religiösen Männer (und Frauen) haben, wenn ihre Religion den außerehelichen Geschlechtsverkehr verurteilt.
Das oft vorgebrachte Argument, dass „die Prostitution in die Illegalität gedrängt würde“ wenn sie verboten wird, ist erstens aus rechtsphilosophischer Sicht zynisch: Denn ein neues Gesetz muss aufgrund eines gesellschaftlichen Wunsches eingeführt werden (auch Drogenhandel und Kinderpornographie wurden ja verboten, obwohl sie in der Illegalität weiter betrieben werden). Zweitens stimmt diese Argumentation auch sachlich nicht: Wie man bei Simon Häggström (Buch „Auf der Seite der Frauen“) nachlesen kann, ist Prostitution immer auffindbar, weil sie ja Werbung für sich machen muss, die auch die Polizei sehen kann.
Prostitution ist nicht das älteste Gewerbe der Welt: das waren die Hebammen. Es ist Zeit, alte Gewerbe abzuschaffen, wenn sie nicht mehr in eine moderne Welt passen. Wir Männer sollten diese Forderung unterstützen, auch deshalb, weil sich erfahrungsgemäß dadurch auch einige kriminelle Netzwerke zurückziehen aus einem Land.
Mario Brocallo ist Autor, der über Pornographiesucht, Misogynie und Depression veröffentlicht hat.*) Dieser Artikel kann, vorausgesetzt dass er nicht verändert wird, kostenfrei und ohne Rücksprache auch in anderen Medien oder auf anderen Webseiten veröffentlicht werden, da er unter einer Creative Commons BY ND 4.0. Lizenz veröffentlicht wird. Das gilt auch für das Bild, das KI generiert ist.
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